[Blogbeitrag] - Wie funktioniert Geldpolitik?

Geldpolitik spielt eine tragende Rolle in der wirtschaftlichen Entwicklung von Ländern und Währungsräumen. Wie genau diese Politik ausfallen kann, erfahrt ihr hier.

 

Wie funktioniert Geldpolitik?

 

Ein Beitrag von Christof Haar, Finance Club Graz

 

Geldpolitik spielt eine tragende Rolle in der wirtschaftlichen Entwicklung von Ländern und Währungsräumen. Die Zentralbanken der einzelnen Währungsräume betreiben Geldpolitik, um die ihnen gegebenen Ziele erreichen zu können. Diese können aus mehreren gleichberechtigten Teilzielen bestehen, wie etwa jene der US-amerikanischen Federal Reserve (Fed), die neben robustem Wirtschaftswachstum eine moderate langjährige Inflationsrate anstrebt. Die Zentralbank der Volksrepublik China, die Chinesische Volksbank (PBOC) hat neben der Preisstabilität das Ziel, die Stabilität der Heimatwährung Renminbi zu gewährleisten. Die Europäische Zentralbank (EZB) hingegen verfolgt im Wesentlichen das Ziel der Preisstabilität mit einer langfristigen jährlichen Inflationsrate von knapp unter 2 %. Meist werden derartige Ziele auf Grund gesetzlicher Regelungen vorgegeben, wie etwa im Fall der EZB durch einen Beschluss des EZB-Rates aus dem Jahr 1998, der auf dem Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union beruht.

 

Basis für derartige Entscheidungen bilden im Wesentlichen zwei konkurrierende Wirtschaftstheorien, der Monetarismus und der Keynesianismus. Vertreterinnen und Vertreter des vom US-Wirtschaftsnobelpreisträgers Milton Friedman entwickelten Monetarismus rücken die Geldpolitik der Zentralbanken in den Mittelpunkt volkswirtschaftlicher Betrachtungen. Dabei spielt die Geldmenge eine zentrale Rolle: Ausgehend von einem funktionierenden Wirtschaftskreislauf führt eine zu stark expansive Geldpolitik, das ist die Erhöhung der Geldmenge über ein notwendiges Ausmaß hinaus, zu Geldentwertung (Inflation) auf breiter Fläche (bei Investitionen und privatem Konsum). Eine zu restriktive Geldpolitik, somit eine starke Verringerung der Geldmenge, bringt hingegen durch dann teurere Kredite und dem damit einhergehenden Rückgang der Nachfrage die Gefahr einer Deflation mit sich, das sind sinkende Preise in einem Wirtschaftsraum. Beide Szenarien gefährden die Preisstabilität eines Landes oder Währungsraums. MonetaristInnen sehen daher möglichst stabile volkswirtschaftliche Bedingungen als Basis für ihr Hauptziel der Preisstabilität an.

 

Der Keynesianismus (nach dem britischen Ökonomen John Maynard Keynes) hingegen ist nachfrageorientiert. Geldpolitik soll nach den Vertreterinnen und Vertretern des Keynesianismus gezielt Anreize setzen, um bei schwächelnder Wirtschaft zusammen mit erhöhten Staatsausgaben die Nachfrage zu beleben und zu steuern. Die unmittelbare Beeinflussung volkswirtschaftlicher Entwicklungen, auch auf kurze Sicht, steht im Gegensatz zu den MonetaristInnen im Vordergrund. Vor allem in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg prägte die keynesianische Sichtweise die Geldpolitik der Zentralbanken. In den 1970er Jahren führten die plötzlich gestiegenen Rohölpreise jedoch zur Stagflation (Kunstwort aus Stagnation und Inflation), einer Kombination aus schwacher wirtschaftlicher Entwicklung bei gleichzeitig hoher Geldentwertung. Dies und die Entwicklung des Monetarismus beendeten die Vorherrschaft des Keynesianismus in den geldpolitischen Denkweisen der meisten Zentralbanken.

 

Zentralbanken können also zwei Hauptrichtungen in ihrer Arbeit verfolgen, eine expansive oder eine restriktive Geldpolitik. Expansive Geldpolitik bedeutet, dass mehr Geld im Umlauf sein soll, um damit wirtschaftliche Entwicklungen voranzutreiben. Dies kann beispielsweise durch Leitzinssenkungen erreicht werden oder aber durch Ankauf von Wertpapieren durch die Zentralbanken („Quantitative Easing“). Restriktive Geldpolitik kann durch Leitzinserhöhungen oder der Einführung von Mindestbeständen an Reserven, die von den Geschäftsbanken bei der EZB zu halten sind, betrieben werden. Müssen Banken mehr Geld bei der EZB hinterlegen, steht dieses nicht für Kreditvergaben zur Verfügung, das Angebot an Krediten sinkt, dadurch werden diese (bei gleicher Nachfrage) teurer und die Kreditzinssätze steigen.

 

Der wichtigste Leitzinssatz der EZB ist der Hauptrefinanzierungszinssatz. Geschäftsbanken können sich zu diesem Zinssatz gegen Hinterlegung von Wertpapieren Geld von der EZB leihen. Sie finanzieren den von ihnen zu bezahlenden EZB-Hauptrefinanzierungszinssatz durch Wertpapiere und Kredite. Daher ändern sich indirekt die Wertpapier- und Kreditzinsen, wenn die EZB ihren Hauptrefinanzierungszinssatz anpasst. Durch die in den letzten Jahren durchgeführten Leitzinssenkungen, auf einen Hauptrefinanzierungszinssatz von derzeit 0 % pro Jahr, ist der geldpolitische Spielraum der EZB aktuell stark eingeschränkt. Daher wurde Quantitative Easing seitens der EZB (und anderer Zentralbanken) als zusätzliche Möglichkeit in Angriff genommen, um die nach der Finanzkrise gestrauchelte europäische Wirtschaft zu beleben. Seit 2015 kauft die EZB Staats- und Unternehmensanleihen mit einem Wert von derzeit monatlich 60 Milliarden Euro auf, um damit die in Umlauf befindliche Geldmenge zu erhöhen und somit positive Anreize für Investitionen zu setzen. Durch steigende Investitionen soll wiederum das Wirtschaftswachstum erhöht werden, wodurch mehr Arbeitskräfte benötigt werden und die Arbeitslosenquote sinkt. Die größere Anzahl von in Arbeitsverhältnissen befindlichen KonsumentInnen kann sich mehr leisten, was den privaten Konsum ankurbelt und wiederum zu höherem Wirtschaftswachstum führt. Vielfach wird diese „ultra-lockere“ Geldpolitik dahingehend kritisiert, dass zwar die Wirtschaft in der Eurozone angekurbelt wurde, die Inflation jedoch trotzdem nicht auf das EZB-Ziel von knapp unter 2 % jährlich gestiegen ist. Außerdem würden die Euro-Staaten dazu verleitet, Schulden in großem Stil aufzunehmen, im Wissen, dass die Anleihen ohnehin von der EZB gekauft werden und es daher keinen Druck für die Umsetzung wirtschaftlicher Reformen gebe. Dies hat sich tatsächlich vor allem in den südlichen Euro-Ländern, wie etwa Italien, gezeigt. Eine weitere Gefahr besteht darin, dass durch eine auf Grund der aktuellen Geldpolitik erhöhten Nachfrage die Inflation in Zukunft zu stark anziehen könnte, infolgedessen die Zinsen zur Eindämmung der Inflation erhöht werden müssten, wodurch die in der Zeit der Nullzinspolitik ausgegebenen Anleihen an Wert verlieren würden. Die Euro-Staaten könnten sich weigern, diese Verluste der EZB zu tragen. Die per Gesetz von der Politik unabhängige Institution könnte von politischen Interessen der Euro-Länder abhängig werden. Da volkswirtschaftliche Prognosen auf Grund der Vielzahl an Einflussgrößen schwierig zu treffen sind, bleibt abzuwarten, wie sich die aktuelle Geldpolitik der EZB langfristig auf die Volkswirtschaften der Eurozone und damit auf die Bevölkerung auswirken wird.

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