[Blogbeitrag] Rationale Geldanlage ist unmöglich (Teil 2)

Rationales und irrationales Verhalten bei Investitionsentscheidungen.

 

Rationale Geldanlage ist unmöglich! (Teil 2)

Ein Beitrag von Christof Haar, Finance Club Graz

Als Menschen unterliegen wir hinsichtlich unserer Entscheidungsfindung einer Vielzahl von Einflüssen aus unserer Umwelt, sei es von FreundInnen, ArbeitskollegInnen oder aus der Familie. Die wohl stärkste Einwirkung hat jedoch die menschliche Psyche. Dies gilt sowohl für alltägliche Situationen, als auch für Einschätzungen, die wir im finanziellen Bereich treffen. Vor dem Sommer habe ich dazu im ersten Teil vier der Verhaltensmuster vorgestellt, die aus rationaler Sicht nicht zu begründen sind. Diese waren der Herdeneffekt (die Orientierung an den Verhaltensmustern anderer), der Overconfidence Bias (konsequente Selbstüberschätzung der eigenen Fähigkeiten und Kenntnisse), Loss Aversion (Abneigung gegenüber Verlusten) und der Home Bias (Geldanlage in bekannten Märkten unter der trügerischen Annahme, deren Verhältnisse gut zu kennen).

 

Im heutigen zweiten Teil werde ich auf einige weitere Fallen eingehen, die uns unsere Psyche stellt. Die Kenntnis über derartige Vorgänge kann helfen, Trugschlüsse zu vermeiden und die Geldanlage auf eine stärker rational orientierte Ebene zu bringen.

 

1.      Framing

Das englische Wort für „Rahmen“ dient bei diesem Effekt als Aufhänger, da die Beurteilung von Sachverhalten regelmäßig davon abhängt, wie und in welcher Form Informationen präsentiert werden. Ein plakatives Beispiel dafür ist die Auseinandersetzung mit Performancezahlen von Aktien bei unterschiedlichen Betrachtungszeiträumen: Sieht man sich etwa die Entwicklung in den vergangenen drei Jahren an, kann es durchaus sein, dass die Performance der betrachteten Aktie im Vergleich zu einem Index oder branchengleichen Unternehmen schlechter ausfällt oder negativ ist. Betrachtet man jedoch eine für Aktien weitaus relevantere Zeitspanne von beispielsweise 15 Jahren, mag die Entwicklung weitaus positiver sein als jene vergleichbarer Aktien. Daher kommt jemand, der nur die kurzfristige Entwicklung beleuchtet zu einem ganz anderen Ergebnis hinsichtlich Entscheidung über Kauf/Verkauf als jemand, der ausschließlich den langfristigen Verlauf oder beide Seiten in Betracht zieht. Auswirkungen des Framings zeigen sich auch in der optischen Präsentation wie etwa, ob die gegebene Information rein verbal erfolgt oder mit Grafiken unterlegt ist.

 

2.      Regret Aversion

Regret Aversion (Abscheu vor Reue) bedeutet, dass Menschen vermeiden möchten, eine Entscheidung im Nachhinein bereuen zu müssen. Beispielsweise möchte ein/e potenzielle/r KäuferIn einer Aktie vermeiden, dass diese unmittelbar nach dem Kauf stark fällt. Das würde dazu führen, dass sie/er die Kaufentscheidung als schlecht einstuft. Die Folge der Regret Aversion ist daher sehr häufig, dass aus Angst, „falsch“ zu entscheiden, gar nicht entschieden wird, also alles beim Alten bleibt. In vielen Bereichen des menschlichen Daseins ist es jedoch essenziell, Entscheidungen aktiv zu treffen, um die persönliche Entwicklung voranzutreiben und nicht im Status quo zu verharren. Das führt nämlich am Ende oft erst recht zu Reue.

 

3.      Attribute Bias

Attribute Bias bedeutet, dass man für die Auswahl von einzelnen Wertpapieren für das eigene Portfolio oft auf Techniken und Modelle setzt, die ganz bestimmte Regelmäßigkeiten oder Unregelmäßigkeiten in Unternehmensdaten finden sollen. Auf deren Basis kann dann in Folge eine Investmententscheidung getroffen werden. Diese Verzerrung ist somit weniger eine psychologische, mehr eine quantitative, jedoch ebenso mit potenziell gravierenden Folgen für die eigene Vermögenslage: Da man sich auf genau definierte Charakteristiken fokussiert, werden oft Wertpapiere ausgewählt, die ähnliche fundamentale Merkmale aufweisen. Dies führt zu einem unausgeglichenen, einseitigen Portfolio, das in Zeiten von Kurseinbrüchen wahrscheinlich stärker von diesen betroffen ist als ein Vergleichsindex. Ein probates Mittel zur Verringerung des Attribute Bias ist, mehrere Modelle und Techniken mit unterschiedlichen Annahmen einzusetzen, um zu einem gut diversifizierten Portfolio zu gelangen.

 

4.      Confirmation Bias

Eine sehr mächtige psychologische Falle, die Entscheidungen von Menschen in allen Lebenslagen beeinflusst, ist der Confirmation Bias (Bestätigungsverzerrung). Er beschreibt eine typisch menschliche Verhaltensweise, nämlich jene, dass man bei der eigenen Entscheidungsfindung oftmals nur Informationen berücksichtigt, welche die eigene vorgefertigte Meinung unterstützen und bestätigen. Dies geschieht nicht unbedingt bewusst, sondern vielfach unabsichtlich. Stuft man ein Unternehmen auf Grund eines natürlich nur begrenzt vorhandenen Wissens als zukunftsweisend ein, wird man sehr oft unbewusst nach Informationen suchen, die das Unternehmen ebenfalls in positivem Licht darstellen, um sich damit eine Bestätigung der eigenen Einschätzung zu verschaffen. Eine derartige Betrachtung kann aber negative Folgen haben, da keine unterschiedlichen Sichtweisen zugelassen werden und somit auch die Entscheidung auf Grund stark einseitiger Informationen getroffen wird. Das führt zu rational nicht optimalen Entscheidungen und Ergebnissen.

 

Zusammenfassend kann man daher sagen: Lässt man sich von den Umständen der Informationsdarbietung blenden (Framing) oder steckt man den Kopf sofort in den Sand, wenn Entscheidungen anstehen (Regret Aversion), wird man in der Geldanlage genauso wenig auf rationale Argumente setzen, wie wenn man sich nur auf einzelne Bewertungsmodelle stützt (Attribute Bias) oder überhaupt nur das gelten lässt, wovon man schon vor der Informationsbeschaffung überzeugt war (Confirmation Bias). Somit zeigt auch der heutige zweite Teil der psychologischen Fallen, in die wir Menschen tappen können, wie wichtig es ist, sich die Abläufe der eigenen Psyche bewusst zu machen, um Geldanlage zumindest in Ansätzen nach rationalen Kriterien gestalten zu können.

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