[Blogbeitrag] Rationale Geldanlage ist unmöglich (Teil 1)

Rationales und irrationales Verhalten bei Investitionsentscheidungen.

 

Rationale Geldanlage ist unmöglich! (Teil 1)

Ein Beitrag von Christof Haar, Finance Club Graz

Blickt man in die klassische wirtschaftswissenschaftliche Literatur, findet man sehr oft die Annahmen, dass jede Investorin und jeder Investor stets rational handelt und die für die Maximierung ihres und seines Nutzens besten Entscheidungen hinsichtlich Geldanlage trifft. Diese Annahmen sind nicht aus der Luft gegriffen, dienen sie doch dem besseren Verständnis und der einfacheren Handhabbarkeit von Modellen zur Portfoliooptimierung, wie etwa beim Capital Asset Pricing Model (CAPM). Doch sie sind höchst theoretisch und spiegeln nur in begrenztem Umfang die Realität wider. Denn warum sollte ein Mensch bei der Geldanlage stets rational handeln, wenn sich zeigt, dass dies im Alltagsleben auch nicht der Fall ist? Ein Beispiel hierzu wäre der tägliche Einkauf von Lebensmitteln ohne vorher zu überprüfen, ob nicht ein anderes, genauso nahegelegenes Geschäft dieselben Produkte billiger anbietet. Beim Tanken vergleichen Menschen die Preise der einzelnen Tankstellen oftmals nicht miteinander, sondern fahren zu einer bekannten Tankstelle oder einer, bei der sie in der Vergangenheit regelmäßig getankt haben. Von den irrationalen Unwägbarkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen, die ein noch weiteres Feld aufspannen, sei hier einmal abgesehen. Doch wie äußert sich die menschliche Psychologie im Hinblick auf die Geldanlage konkret? Dies untersuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Bereich Behavioural Finance, einem relativ jungen Teilgebiet der Wirtschaftswissenschaften. Einige psychologische Verhaltensmuster, die bei Investitionsentscheidungen gerne an den Tag gelegt werden, sollen in diesem Artikel näher erläutert werden.

 

1. Herdeneffekt

Ein sehr bekannter und mitunter einflussreicher Effekt, der Menschen in ihren Investitionsentscheidungen beeinflusst, ist der Herdentrieb. Wenn viele Bekannte, Verwandte oder Freundinnen und Freunde behaupten, der Aktienmarkt sei überhitzt, dann gehen viele Menschen davon aus, dass dies stimmen muss, weil die „Mehrheit“ davon überzeugt ist. Wird in den Medien vor einem angeblich unmittelbar bevorstehenden „Zusammenbruch des Euros“ berichtet, verleitet dies zu Entscheidungen, das eigene Geld in vermeintlich sichere Anlagen, wie etwa Immobilien, zu investieren. Stürzen sich aber viele Anleger auf Immobilien, steigen die Preise und die Renditen sinken, was sich im Endeffekt als nicht vorteilhaft erweist. Dies ist nur ein einzelnes von vielen Beispielen, wo Herdentrieb zu irrationalen Entscheidungen führen kann.

 

2. Overconfidence Bias

„Ich bin die/der beste ...“ AutofahrerIn, FußballspielerIn und natürlich auch InvestorIn, so viel steht fest! Dieser eine Satz beschreibt den Overconfidence Bias kurz und prägnant. Es geht darum, dass wir Menschen uns ständig überschätzen, in vielen Bereichen des Lebens denken, wir hätten die besten Fähigkeiten und wären dadurch anderen überlegen. Bei der Geldanlage tendieren wir dazu, nur jene Informationen gelten zu lassen, die unsere bereits vorgefertigte Meinung bestätigten. Personen, die eine Scheu vor Investitionen in den Aktienmarkt haben, können kaum mit rationalen Argumenten von einer Geldanlage in Aktien überzeugt werden, ganz im Gegenteil: Schreiben Medien über einen Börsencrash – und das tun diese tendenziell öfter als über Börsenhöchststände zu berichten – dann wird diese „Ich-hab‘-es-ja-gewusst“-Einstellung zusätzlich befeuert. Dass der Aktienmarkt (eine langfristige Anlageperspektive vorausgesetzt) wesentlich höhere Renditen bietet (auch nach Einrechnung des Risikos, d.h. risikoadjustiert), wird von solchen Personen als Argument meist nicht anerkannt. Selbstverständlich ist eine Aktienmarktanlage nicht für alle Investorinnen und Investoren gleichermaßen geeignet, doch der springende Punkt ist das rationale Argument, das hier von unserer Psyche systematisch ausgeblendet wird.

 

3. Loss Aversion

Loss Aversion, zu Deutsch Abneigung gegenüber Verlusten, beschreibt die menschliche Einstellung, Verluste als etwas streng Negatives anzusehen. Erklärt werden kann dies dadurch, dass die menschliche Psyche bei der Erzielung von Verlusten dafür sorgt, dass sich die InvestorInnen selbst die Schuld an den negativen Renditen geben, da sie eben schlechte Anlageentscheidungen getroffen hätten. Kurse von Wertpapieren, speziell von Aktien, sind jedoch kaum vorhersagbar, eine Entscheidung ist daher nur eingeschränkt rational, da sie nicht sämtliche mögliche (aber nicht vollständig zur Verfügung stehende) Informationen berücksichtigt. Mehr noch, bei der Erzielung von Gewinnen ist die Freude darüber meist geringer als der Ärger bei Verlusten. In der menschlichen Psyche wird das Schlechte also überbewertet, das Gute jedoch unterbewertet.

 

4. Home Bias

Eine weitverbreitete Psychofalle, in die Anlegerinnen und Anleger gerne tappen ist die Home Bias (Heimatmarktneigung). Wir Menschen sind Gewohnheitstiere, auch was die Geldanlage betrifft. Das, was wir schon kennen, wird von uns bevorzugt behandelt – oder zumindest das, was wir glauben zu kennen. Denn bei der Anlage von Geld greifen InvestorInnen gerne auf den eigenen Heimatmarkt oder auf Aktien der/des eigenen Arbeitgeberin/Arbeitgebers zurück, weil sie der irrigen Überzeugung sind, einen Informationsvorsprung auf ihnen bekannten Märkten zu besitzen oder auch weil Vertrauen und Zugehörigkeit im menschlichen Dasein eine große Rolle spielen. Einen solchen Vorsprung gibt es jedoch praktisch nie, da selbst für ausgewiesene Marktexperten die Einschätzung der weiteren Entwicklung eines bestimmten Ländermarktes kaum fehlerfrei möglich ist. Es existieren schlicht zu viele externe und interne Einflussfaktoren, welche die Wertpapierpreise beeinflussen, wie etwa die Zinsentwicklung, das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes, Kriege, politische Entscheidungen, Änderungen in den Präferenzen von KonsumentInnen und viele andere mehr.

 

Kurzum: Wir Menschen werden von unserem Umfeld und den Medien derart beeinflusst, dass wir oftmals kaum selbständig Entscheidungen treffen. Wir sind einerseits von uns übermäßig überzeugt (Overconfidence Bias), trauen uns jedoch andererseits nicht zu, über den Tellerrand zu blicken (Home Bias). Wir tun gerne das, was alle anderen auch tun (Herdeneffekt), weil die Mehrheit in unserer Annahme ja immer Recht haben sollte, haben jedoch andererseits trotzdem Angst vor unseren eigenen Entscheidungen, wenn etwas einmal schieflaufen sollte (Loss Aversion). Die Behavioural Finance ist mittlerweile stark im Fokus der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Verhalten von InvestorInnen und bietet auch in Zukunft umfassende Möglichkeiten zur Analyse von Anlageentscheidungen.

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